19.05.2026
Ich vermute, dass es anderen AutorInnen ähnlich geht. In letzter Zeit wurde ich öfter gefragt, ob oder wie sehr ich KI für meine Arbeit als Autor nutze. Die ersten Male war ich irritiert, da KI für meine Arbeit überhaupt keine Relevanz hat.
Mir ist vollkommen klar, dass mir diese Frage gestellt wird, weil es interessant ist, wie sehr moderne Medien in die Textarbeit hineinwirken und wie weit man sich als SchriftstellerIn diesen Methoden öffnet.
Dennoch fühlt es sich jedes Mal so an, als würde man wissen wollen, ob ich Literatur hasse.
Natürlich habe ich schon mit KI herumgespielt. Memes und andere unsinnge Bilder habe ich erstellen lassen. Letztes Jahr trendete es auf Instagram, sich selbst als Actionfigur zu erstellen. Das war witzig. Klar, habe auch ich so eine Puppe von mir über ChatGPT erstellen lassen. Auf meiner Instagramseite habe ich diesen Blödsinn jedoch nicht veröffentlicht.
Auch habe ich mir ein Textkonzept erstellen lassen und wollte herausfinden, wie stark die moralischen Zwänge sind, unter denen diese Apps unterworfen sind. Meine Erkenntnis war, dass die KI sich weigert einen Text zu erstellen, bei dem Bruder und Schwester Liebe machen. Wenn man der KI dann aber sagt, dass die beiden gar nicht wissen, dass sie miteinander verwandt sind, dann bekommt man sofort sehr schlecht geschriebenen Text. Also richtig schlecht geschrieben.
Es war eine private Spielerei. Inzwischen habe ich die App von meinem Handy gelöscht.
Nachdem ich die Arbeit an meinem letzten Roman Manchmal muss man sich entscheiden beendet hatte, hatte ich die interne KI von Adobe genutzt, um zu fragen, wie meine Figuren miteinander verstrickt sind, und welche Eigenschaften sie in sich tragen. Die Antworten waren erstaunlich nah an dem, was ich beim Schreiben intendierte. Die KI erzählte mir, dass Sandra eine Figur mit dunklen und hellen Seiten in ihrem psychologischen Profil ist. Auch sagte sie mir, dass Mia sich sehr mutig verhält, dass Sven Sehnsüchte in sich trägt, und Bärbel sich um ihre Enkelin kümmern möchte und sie liebt.
Schlussendlich erfuhr ich von der KI nichts falsches, aber sie gab mir auch keine neuen Erkenntnisse. Ich habe lediglich bestätigt gesehen, was ich selbst zuvor über ein Jahr lang geschrieben hatte. Die KI selbst hatte ihre Textzusammenfassung auch hier in einer sehr einfachen, beinahe kindlich-naiven Sprache formuliert. Ich vermute, dass die Antworten der KI für eine grobe Textanalyse ausgereicht hätten, um im Deutschunterricht mit einer 3+ oder sowas davonzukommen.
Für meine schriftstellerische Arbeit hat KI also weder Nutzen noch sonstigen Mehrwert. Ich habe fünf Jahre am Deutschen Literaturinstitut Leiptzig literarisches Schreiben studiert. Erst im Bachelor, dann im Master. Ganz sicher habe ich diese fünf Jahre nicht in mich investiert, um mir von einem Programm irgendeinen Dreck schreiben zu lassen. Ich würde KI noch nicht einmal dafür verwenden, mir einen Text für eine Bewerbung zu formulieren. Mir ist vollkommen klar, dass ich Rechtschreibfehler und Tippfehler mache. Auch nach wiederholtem Lesen, finde ich auf meiner Website immer wieder Fehler, schlechte Formulierungen und Dinge, die schlichtweg falsch sind.
Und doch bin ich Schrifsteller geworden, weil ich selbst mit den Worten arbeiten will. Meine Fehler gehören zu mir. Ebenso die Ungenauigkeiten, die ein Text in sich trägt. Man kann meine Romane Stück für Stück zerlegen. Dabei wird man auf dumme Plotentscheidungen treffen, auf lächerliche Zufälle, und Dinge, die so überhaupt nicht stimmen können. Jedes Mal, wenn ich eine Mail bekomme, dass auf Seite soundso ein Fehler ist, würde ich am liebsten im Boden versinken und freue mich gleichzeitig über meine aufmerksamen LeserInnen und darüber, dass sie den Kontakt zu mir suchen.
Text braucht seine Ungereimtheiten, er darf anecken, Diskussionen anfeuern, schlecht geschrieben sein, moralische Standpunkte in Zweifel ziehen, wütend und traurig machen oder dafür sorgen, dass man laut anfängt zu lachen, auch wenn es vielleicht gerade unpassend erscheint.
KI kann das nicht. KI kann das vielleicht simulieren, aber die Simulation eines menschlichen Gefühls wird nie an die Leidenschaft heranreichen, wenn mir als Autor beim Schreiben die Tränen kommen. Das ist mir bei allen drei Romanen passiert. Immer und immer wieder.
Und doch schreibe ich nicht allein. Es gibt ein paar wenige Menschen, die meine Texte in sehr frühen Stadien lesen und sich dann mit mir treffen, um mir zu sagen, was sie davon halten. In diesen Momenten darf alles in Frage gestellt werden. Und zum Glück passiert das auch. Ohne die Rückmeldung dieser Leute, wäre ich nicht in der Lage als Schriftsteller arbeiten zu können. Es sind Menschen, die zu meinen engsten Freunden gehören und die genau wissen wo meine Stärken und Schwächen liegen. Personen, die mich leiten, die mir harte Fragen stellen. Die härteste Frage, die ich dann immer wieder höre ist, was ich denn mit dem jeweiligen Text erreichen will und warum ich das überhaupt mache.
Das kann keine KI. Eine KI wird mich nie so kennen, wie diese Menschen es tun, die mich seit fast 2 Jahrzehnten begleiten und die eigentlich besser als ich wissen, was mich als Schriftsteller ausmacht.
Die Frage, die ich also viel lieber hören wollen würde, wäre nicht, ob und wie ich mit KI arbeite, sondern wie sich die Zusammenarbeit mit meinen Freunden an meinen Texten gestaltet.
Text schreibt sich nicht von allein. Aber KI hat im Text nichts zu suchen.
Ich schließe nicht aus, dass ich niemals mit KI arbeiten werde. Es kann gut sein, dass ich in Zukunft in irgendeiner Art und Weise die Unterstützung von KI nutzen werde. Sollte dem so sein, werde ich das so kennzeichnen, dass das sofort klar ist. Ich gehe davon aus, dass meine schreibenden KollegInnen genauso verfahren. Wer das nicht kennzeichnet, gehört für mich nicht zu den SchriftstellerInnen, sondern in die Kategorie Arschloch.
Ich liebe Literatur, ich liebe zu schreiben und zu lesen. Ich liebe es, dass ich dabei gefordert werde, mit Perspektiven konfrontiert werde, die ich so vorher nicht kannte.
Für diese Liebe brauche ich keine KI.