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19.02.2026:

Gestern erschien mein dritter Roman. Dass es überhaupt mal ein Buch werden könnte, das ich veröffentliche, war viele Jahre ein großer Traum, von dem ich oft dachte, dass er sich nicht verwirklichen lassen wird.

Ich möchte in den nächsten Tagen hier meinen Weg nachzeichnen, den ich gegangen bin, möchte die Gelegenheit nutzen, von ein paar Begegnungen zu erzählen, die wichtig waren. Möchte Menschen vorstellen, ohne die das nicht funktioniert hätte.

Im Winter 2009/2010 arbeitete ich als Handwerker. Meine Aufgabe war es, Internetrouter bei den Kunden zu Hause zu installieren. Fernsehdosen austauschen, im Keller an den Verteileranlagen herumfummeln, den Kram irgendwie zum Laufen bringen und dann schnell weiter, denn der nächste Termin drückte bereits. Neun Kunden mussten jeden Tag abgearbeitet werden. Der Zeitdruck führte dazu, dass ich heute noch bei handwerklichen Dingen vor allem sehr schnell fertig werden will, obwohl kein Kunde mehr auf mich wartet.

Das war ein guter Job für den 22-jährigen, der ich war. Menschen zu Hause besuchen, mit ihnen reden. Ich musste lernen mich ordentlich zu artikulieren, trat in Fettnäpfchen, störte Leute, die gerade Sex hatten und bekam einmal ohne viele Worte eine Bong gereicht, während ich den TV-Anschluss einer Wohngemeinschaft in Betrieb nahm. Kurz danach saß ich mit zwei Typen auf deren Sofa und gemeinsam glotzten wir Pro7. Es war neun Uhr vormittags. Irgendwann musste ich leider weiter, verabschiedete mich von meinen beiden neuen Freunden und brauchte noch ein paar Stunden, bis ich wieder wusste wo oben und unten ist.

Es müssen etwas mehr als eintausend Wohnungen gewesen sein, in denen ich stand, bevor ich die von Steffen Mohr betrat. Steffens Wohnung fiel mir sofort auf. Ein wenig staubig, die Möbel nicht die modernsten. Dafür gab es Bücher. Überall standen und lagen Bücher herum. In der Küche, im Flur, im Wohnzimmer – die Bücher waren in allen Winkeln der Wohnung verteilt. Ich installierte den Router, kroch hinter dem Fernseher herum, Steffen fragte mich, ob ich ihm mit dem Anrufbeantworter und dem WLAN helfen könnte und ich ihn, warum er so viele Bücher hatte.

Und dann redete er. Meine Zeit war schon längst überzogen, aber das war egal. Hier stand jemand vor mir, der mir wirklich mal etwas zu sagen hatte. Schriftsteller sei er, würde Krimis schreiben. Einem ganzen Literaturverein stehe er vor und er hätte sogar zu DDR-Zeiten gemeinsam mit einem der berühmtesten westdeutschen Krimiautoren ein Buch geschrieben. Steffen redete und redete, fühlte sich wohl und geschmeichelt vor und von seinem Ein-Mann-Publikum.

Irgendwann war sein Monolog zu Ende und dann fragte ich ihn, ob es möglich wäre, dass er mal ein paar meiner Zeilen lesen könnte. Ich hatte damals nach der Arbeit an einem längeren Text gearbeitet. Im Grunde ging es um eine Trennung, die ich versuchte in Prosa zu verwandeln und somit zu verarbeiten. Ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich tat, wusste nichts davon wie es ist, ein Schriftsteller zu sein und hatte auch nicht vor einer zu werden. Aber es wäre interessant gewesen, mal eine Kritik zu bekommen, von jemanden der sich mit dem geschriebenen Wort auskannte.

Steffen zögerte. Er wollte nicht. Aus heutiger Perspektive kann ich das verstehen. Es ist nicht einfach solchen Anfragen gerecht zu werden und ich weiß, dass ich selbst in diesem Punk weit hinter meinen eigenen Ansprüchen stehe.

Ich fragte ein zweites Mal und Steffen sagte ja. Er erklärte sich bereit, dass er etwas von mir lesen würde. Beglückt verließ ich seine Wohnung, klapperte meine restlichen Kunden ab und kam erst spät nach Hause, da ich die Zeit, die ich bei Steffen gelassen hatte, während der folgenden Terminen nicht wieder reinholen konnte.

Ich hatte Steffen meinen Text nicht gegeben. Nicht sofort. Ich hatte Angst. Was, wenn er etwas schlechtes darüber sagen würde? Eigentlich wäre das nicht schlimm gewesen, aber er war ein fremder Mann und der Text sehr persönlich, behandelte er doch in weiten Teilen meine erste große Liebe und den Scherbenhaufen, zu dem sie geworden ist.

Die Tage vergingen, ich installierte Router, ging meinen Tätigkeiten nach, schrieb weiter an dem Text und auf einmal traf ich Steffen in einem Supermarkt. Ich erledigte meinen Einkauf und er seinen. Draußen wartete ich auf ihn. Ich rauchte, war nervös und als er rauskam fragte ich ihn, ob es wirklich in Ordnung wäre, wenn ich ihm meinen Text zeige und er sagte ja.

Einen Tag später stopfte ich 20 oder 30 Seiten in seinen Briefkasten. Aus heutiger Perspektive kann ich sagen, dass diese Zeilen wirklich nicht gut waren. Der Text war pathetisch, großspurig, Ich-bezogen, naiv und weinerlich. Innerlich schloss ich mit diesem Projekt ab, als ich die Klappe von Steffens Briefkasten zufiel.

Und dann, nach drei oder vier Tagen wartete ein Brief auf mich. Von Steffen. Mit der Hand geschrieben.

Diesen Brief hüte ich wie einen Schatz. Und ein kleiner Auszug davon ist hier zu sehen:

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